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Dr. Detlef Wilkens – Wissenschaftsjournalist
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Erschienen in: BiOkular, 1994, 9, 4–7. Letzte Änderung: 18.02.2009

Zeitbomben unter uns

Wenn die Industrie geht... Das Povelprojekt

Von Detlef Wilkens


Aus den Augen – aus dem Sinn! Dies ist auch heute noch eine gängige Methode, um vergiftete Böden zu „sanieren“: der Dreck wird ausgebaggert, mit Lastwagen weggekarrt und dann teuer deponiert. Geographische Altlastverschiebung wäre wohl der passendere Name für dieses Hauruck-Verfahren. Das es auch anders geht, zeigt ein einzgartiges Projekt zur Altlastsanierung in Nordhorn.

Nordhorn ist die Kreisstadt des Landkreises Grafschaft Bentheim, liegt direkt an der niederländischen Grenze im südwestlichsten Niedersachsen und hat rund 50.000 Einwohner, ist also nur eine halbe Großstadt. Aber eigentlich gibt es hier alles, was es in einer Großstadt auch gibt: Behörden, Schwimmbäder, öffentliche und noch mehr private Verkehrsmittel, Schulen und Kneipen, Handel und Industrie, hauptsächlich Textilindustrie, also Krisenindustrie.

Im Jahre 1979 kam was kommen musste: Nordhorn hatte ein Textilunternehmen weniger und 1.200 Arbeitslose mehr. Das war ein harter Schlag für die ganze Region und so versuchte die Stadt, das Beste draus zu machen. Sie kaufte das Gelände der ehemaligen Textilfabrik Povel auf und ließ fast alle Gebäude abreißen. Die 18 Hektar große Industriebrache hatte eine besonders günstige Lage, ein riesiges Filetstück sozusagen. Hier sollten etwa 500 neue Wohneinheiten entstehen, attraktiv gelegen an dem Flüsschen Vechte und dem Nordhorn-Almelo-Kanal, unmittelbar angrenzend an die Innenstadt.

1984 errichtete die städtische Wohnbaugesellschaft zunächst 22 Altenwohnungen, der Anfang war gemacht. Zwei Jahre später hatte der neue Chef des Baudezernats einen genialen Einfall: Er ließ auf dem Gelände Bodenproben entnehmen und die entsprachen leider nicht so ganz der Zusammensetzung, wie es natürlicherweise bei einem norddeutschen Stadtboden zu erwarten ist. Mit anderen Worten: Nordhorn hat tatsächlich alles, was eine Großstadt ausmacht, sogar ein Altlastproblem!

An Bebauung war seinerzeit nicht mehr zu denken, die Schadstoffbelastung war viel zu hoch! Mehr noch: Ohne Sanierung wäre in absehbarer Zeit das Gift in das Grundwasser und die Vechte gelangt, es bestand also höchste Gefahr! Das klassische Hauruck-Verfahren hätte mindestens 60 Millionen DM gekostet, für den Haushalt der Stadt Nordhorn, auch bei großzügiger Beteiligung von Bund und Land, nicht tragbar.

Biologische Keule gegen chemischen Dreck

Die Stadt steckte nicht den Kopf in den Sand, sondern suchte nach Alternativen. Diese fand sie bei der Arbeitsgruppe „Ökochemie und Umweltanalytik“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Professor Schuller. Der Ökochemiker Schuller und der Geologe Rongen hatten gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe eine Strategie entwickelt, um Altlast-Standorte ökologisch und ökonomisch sinnvoll zu sanieren, wobei hauptsächlich mikrobiologische Reinigungsverfahren Anwendung finden. Povel sollte nun ihr erster großer Praxistest werden.

Erst denken, dann handeln

Wie sieht die Strategie im Detail aus? In einem Bericht der Arbeitsgruppe wird betont, dass nicht die verfügbaren technischen und planerischen Instrumente per se den Sanierungserfolg garantieren, sondern ihr überlegter und am jeweiligen praktischen Prozessverlauf orientierter Einsatz. Zunächst analysieren, dann organisieren und dann überlegt handeln lautet die Devise. Deshalb wurden für alle Schritte der Sanierung „prozessleitende Handlungsprinzipien“ aufgestellt.

Das Handlungsprinzip für den ersten Schritt lautet: Keine technische Maßnahme vor Durchführung einer Kontaminationsrecherche! In Nordhorn hatte man leider schon die meisten Gebäude abgerissenund dadurch einige Schadstoffe flächenmäßig über das gesamte Gelände verteilt, was die Sanierungsarbeiten erheblich erschwerte. Bevor also irgendein Krümelchen bewegt wird, werden alle beschaffbaren Informationen über das Gelände zusammengetragen und in Form einer Historischen Analyse ausgewertet. Im zweiten Schritt werden zur Bestätigung Boden- und Grundwasserproben genommen und analysiert. Basierend auf all diesen Informationen ist es dann an der Zeit, eine Konzeption für die technische Sanierung zu erstellen. Anschließend kann also endlich der Bagger anrollen und loslegen. Aber auch hier gelten strenge Prinzipien: Das Vermischen unterschiedlich kontaminierten Materials ist weitestmöglich zu vermeiden! Die verschieden kontaminierten Bodenpartien müssen also möglichst einzeln ausgehoben, vor Ort analysiert und dann nach Belastungsklassen sortiert werden. In Nordhorn hat man eigens in einer der stehen gelassenen Fabrikhallen ein Labor eingerichtet, um die anstehenden Analysen zu bewältigen.

Als nächstes folgt der erste Reinigungsschritt, der rein mechanischer Natur ist. Je nach Situation werden dabei unterschiedliche Verfahren angewendet, z. B. werden grobe von feinen Bestandteilen durch Siebverfahren getrennt. Nach dieser mechanischen Trennung erhält man für gewöhnlich große Mengen nicht oder nur schwach belastete Bodenpartien und kleine Mengen hoch und teilweise komplex belastetes Material. Die nicht belasteten Bodenpartien können direkt wieder eingebaut werden, der Rest wird in der Regel nach einem biologischen Verfahren weiterbehandelt. Je nach Belastung müssen aber auch chemisch unterstützte Bodenwäsche, thermische Verfahren oder Deponierung in Betracht gezogen werden.

Die biologische Weiterbehandlung erfolgt in Mieten, die als sogenannte Bioreaktoren fungieren. Diese auch als Biobeete bezeichneten Mieten werden mit den notwendigen Messeinrichtungen versehen, um die mikrobiellen Umsetzungen zu kontrollieren und zu steuern. Bei Böden mit abbaubaren Stoffen sind in der Regel die physikalisch-chemischen Randbedingungen recht einfach einzustellen, um eine Stimulation der Abbauleistung zu erreichen. Ist der Boden jedoch mit Schwermetallen belastet, sieht die Sache anders aus. Schwermetallen können natürlich nicht abgebaut werden (Kernspaltung wird bei Bodensanierungen noch nicht eingesetzt), sie müssen also anderweitig aus dem Boden entfernt werden. Hierzu ist es notwendig, die in der Regel schwer löslichen Schwermetallverbindungen in eine lösliche Form zu überführen; mobilisieren nennt das der Fachmann. Danach ist es möglich, die Schwermetalle auszuwaschen, weil sie sich ja jetzt in Wasser lösen.

Zunächst einmal werden auch bei diesem Verfahren Mikroorganismen benötigt. Diese müssen möglichst viele komplexbildende organische Stoffe ausscheiden, welche dann in das Sickerwasser gelangen. Die Schwermetalle werden dadurch in eine lösliche Form verwandelt und fließen mit dem Sickerwasser ab, welches in eine Mini-Kläranlage auf dem Gelände geleitet wird, in der die Schwermetallverbindungen durch einen Torffliter absorbiert werden. Das Einstellen der physikalisch-chemischen Randbedingungen ist sehr viel schwieriger, da in der Schicht der Miete, in der sich die Mikroorganismen befinden, ein anderes Milieu herrschen muss als in der Schicht, in der sich die Schwermetalle befinden. Nach diesen biologischen Reinigungsverfahren sind die Böden soweit dekontaminiert, dass sie wieder eingebaut werden können.

Der Ökoberg als Spezialfall

Es fällt jedoch auch immer kontaminiertes Bodenmaterial an, das von seinen bodenmechanischen Eigenschaften her für den Einbau in Baugrundstücke nicht geeignet ist. Dieses Material soweit zu reinigen, bis es ristriktionsfrei genutzt werden kann, ist weder ökologisch noch ökonomisch zu vertreten, ebenso eine Ablagerung in einer Deponie. Für dieses Material wurde eine spezielle Methode entwickelt. Zunächst wird, je nach Belastung, das entsprechende Reinigungsverfahren angewendet, bis die Kontamination eine Grenze erreicht hat, die eine umweltoffene Ablagerung erlaubt. Das Material kann dann zur Geländegestaltung eingesetzt werden, wenn sichergestellt ist, dass eventuell austretende Schadstoffe nicht zur Grundwasserbelastung werden.

Auch in Nordhorn wird diese Methode in Form eines sogenannten Ökotechnischen Experimentalberges angewendet. Dieser Berg wurde als Langzeitversuch geplant, wobei systematisch und regelmäßig Grund- und Oberflächenwasser sowie der Boden analysiert werden.

Ein anderes Problem bei Altlaststandorten sind alte Müll- oder Schlackedeponien. Normalerweise sind diese inaktiv und keine Bodenkontamination im eigentlichen Sinne. Die ökologisch sinnvollste Lösung ist dann eine Belassung an Ort und Stelle unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollmaßnahmen, weil eine Umlagerung normalerweise mit einer Änderung des Redox-Milieus einhergeht, was wiederum zu einer erheblichen Aktivierung des Materials führen kann. Deshalb wurde die in Nordhorn vorgefundene alte Hausmüllkippe eingekapselt und nicht entfernt.

Wie man sieht, ist das ganze Sanierungskonzept darauf ausgerichtet, den Boden in einzelne Belastungsklassen aufzuteilen und jede Belastungsklasse einem maßgeschneiderten Reinigungsverfahren zu unterziehen oder – falls notwendig – einer gesicherten Entsorgung zuzuführen. Dies ist natürlich sehr mühsam, aber das konkrete Ergebnis der Altlastsanierung auf dem Povel-Gelände ist sehr erfreulich! 35–40 % des Bodens waren belastet. Insgesamt mussten 204.640  m3 Boden behandelt werden, wovon 1340 m3 durch gesicherte Endlagerung oder Verbrennung entsorgt wurden, das sind gerademal 0,65 %!

Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Leistung, die mit diesem Sanierungsverfahren erreicht werden kann. Das Povel-Projekt in Nordhorn ist nicht nur das einzige große Sanierungprojekt in Deutschland, das überhaupt zu einer multifunktionalen Nutzung des Geländes geführt wurde, sondern auch das einzige der gleichzeitig gestarteten und vergleichbaren Sanierungsobjekte, welches sich in der Endphase befindet. Dabei war man 1987 in dem Bewusstsein angetreten, im Gegensatz zu den High-tech-Verfahren nicht eben schnell zu sein. Die Kosten für die komplette Sanierung werden etwa 26 Millionen DM betragen, inklusive baureifer Erschließung. Das sind pro Quadratmeter 160 DM. Zum Vergleich: Für die 300 Meter U-Bahntunnel zwischen Velberter Straße und Oberbilker Markt in Düsseldorf wurden 63 Millionen DM veranschlagt.

Ignoranz von höchster Stelle

Durch die Sanierung wurden private Investitionen von etwa 200 Millionen DM ausgelöst, sodass man schon heute sagen kann: „Hat sich voll gelohnt!“ Wieso das Bundesministerium für Forschung und Technik derweil noch immer die High-tech-Verfahren als das Maß aller Dinge ansieht, bleibt das Geheimnis des Ministers.

In Nordhorn wird derweil schon fleißig gebaut. Unter dem Motto „Wohnen am Wasser“ entstehen schmucke Wohn- und Geschäftshäuser; neu angelegte Grachten durchziehen das mittlerweile idyllisch anmutende Gelände. Im nächsten Jahr soll die Sanierung endgültig abgeschlossen sein. Aber in Deutschland gibt es noch einige zigtausend sanierungsbedürftige Flächen, deren Zahl rapide zunimmt. Waren noch 1985 35.000 derartiger Flächen bekannt, so waren es 1987 48.000 und 1989 wurde gar die Zahl 100.000 genannt; da kommt in den nächsten Jahren noch etwas auf uns zu!